gut aufgenommen
Fotokunst von Hans-Jürgen Kuć, Hamburg

Wort-Dickicht - Leseprobe


Abendgebet
Der Tag vergeht, es naht die Nacht
Hast mich mit Reichtum nicht bedacht
Mein Gott, du hast es nicht gebracht

Und ach! Wer kennt schon meinen Namen?
Sei's bei Geschäften, sei's bei Damen
Ab morgen bitte ändern! Amen.

Grenzfälle
Wenn dein linkes Knie aus voller Kehle singt
und dein rechtes Ohr dir einen Cognac bringt

Wenn starkes Zittern dir signalisiert
dass deine Blase Angstschweiß produziert

Dann, Freundchen, halt die Ohren steif!
Dann bist du für die Anstalt reif

Was jetzt?
Wenn dir das Geschwätz deiner Mitmenschen
auf die Nerven geht
Wenn die neueste Mode schon lange zur neuesten
Uniform verkommen ist

Wenn dir selbst Schadenfreude keine
Genugtuung mehr verschafft
Wenn du keine Wünsche mehr hast und nur noch
Was jetzt? fragst

Dann erblicke den Vogel, der sich dem Horizont nähert
Jenem Horizont, der Anfang und Ende
immer neuer Horizonte ist
Gleich dem Kreislauf, in den du einst mutig eingetreten bist
und dessen Ziele du vielleicht vergessen hast

Fragwürdige Wanderung
Stolpernd übern schiefen Stamm
stiefelt Stefan stur und stramm
schnurstracks hoch zum steilen Damm
strapaziös zu später Stund
stockgestützt, doch ohne Grund
stolzen Schrittes nach Stralsund

Moser im Kaufhaus
Fritz Moser hat im Kaufhaus sich
ein Hemd gekauft, ganz fürchterlich
kratzt es am Hals und unterm Arm
Doch immerhin, es ist schön warm

Es ist geblümt und auch gestreift
An manchen Stellen ist's versteift
Und jedermann, der Fritz nicht fremd,
sagt Oh! Was für ein schönes Hemd.

Der Preis würd jeden überraschen
Man braucht es auch nur lau zu waschen
Ein Schnäppchen also, und zwar richtig
Der Vorteil war Herrn Moser wichtig

Doch nach zwei Wochen zeigt er sich,
der Nähmaschine schlechter Stich
Die Nähte reißen, Knöpfe springen
Jetzt wird er es ins Kaufhaus bringen

Da hängt ein Schild, gleich bei dem Treppchen
"Es wird getauscht, doch keine Schnäppchen"
Fragt man ihn jetzt, dann sagt er willig
Das macht nichts, dafür war es billig

Komplimente
Geliebtes Weib, ich möcht dich etwas fragen
Doch vorher will ich dir zwei Wort sagen
Dein Antlitz lässt Kleopatra erblassen
Dein Charme und deine Klugheit, nicht zu fassen

Die Haut wie Samt. Dein Haar, es glänzt wie Seide
Die Zähne, schön wie fürstliches Geschmeide
Ich liebe dich, nie könnte ich dich zwingen
Magst du so gut sein und ein Bierchen bringen?

Aphrodite
Geliebte, schöne Aphrodite
Ich hab gehört, du machst Profite
Das trifft sich gut, ich brauch Kredite
Sei doch so gut, zahl meine Miete
Du weißt, was ich dir dafür biete
Erspar mir bitte eine Niete
Wie bitte? Ach - du willst nicht? Schiete!
Gemeine Zicke, Aphrodite

Duell
Wartete mit meinem Degen
zitternd schon auf meinen Feind
Da - auf unheilvollen Wegen
kam er keuchend mir entgegen
Dann - ein höllengleicher Regen
und mit grässlich leeren Mägen
warn im Gasthaus wir vereint

Schicksalswende
Hab neulich um meinen Job gebangt
War krank und ein schlechter Esser
Musste beinah unters Messer
Da hörte ich, auch mein Chef sei erkrankt
Schon ging es mir sehr viel besser


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